BEMUTATKOZÓ
Karol Sauerland: Die Intellektuellen über die Rolle der Ideologie und Kultur. Eingezwängt in die Links-Rechts-Falle

Der Intellektuellenkult nimmt im 18. Jahrhundert seinen Anfang. Man pflegt Voltaire und Diderot als die großen Aufklärer, die leuchtenden Vorbilder hinzustellen. Dabei vergißt man aber, daß sie an Ansehen auch durch ihre enge Bindung zu den gekrönten Häuptern Friedrich II. und Katharina II. gewonnen haben. Die gemeinte oder erwünschte Nähe zur Macht sollte ein Charakteristikum des Status des Intellektuellen bleiben. Auch wenn sie zu ihr in Opposition traten, war es so, als würden sie sich vorstellen, mitzuregieren, indem sie den Machthabern vorhielten, wie sie zu regieren hätten. Sie traten seit dem lichtvollen Jahrhundert stets im Namen der Vernunft auf, genau wissend, was ihr entspricht bzw. nicht entspricht. Als Spezialisten für die Vernunft wußten sie auch, wie diese Welt auszusehen hat. Es war nicht nur so, daß sie dieser getreu dem Spruch „cogito ergo sum“ ihre Existenz verdankten, sondern sie wußten auch, ob die von Gott geschaffene Welt die beste der oder, wie Schopenhauer meinte, die schlechteste der möglichen ist. Leibniz erklärte die offensichtlichen Mängel in der Welt noch mit logischen bzw. logisch erscheinenden Argumenten. Sie sollten jedoch mit dem Erdbeben von Lissabon ihre Aussagekraft verlieren. Durch die zunehmende Hinwendung der gens de lettres, der Intellektuellen des 17. und 18. Jahrhunderts, zu Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft und zu der sich abzeichnenden Möglichkeit, sie vernünftiger zu organisieren, traten Fragen, wie Gott die Welt so übel habe schaffen können, in den Hintergrund. Hatte ein Thomas Morus noch die Insel Utopia als einen Nicht-Ort bezeichnet, obwohl einige der von ihm beschriebenen Vorstellungen erfüllbar erschienen, waren die Aufklärer bereits anderer Meinung, wenngleich sie keineswegs die Auslösung einer Revolution, die Schaffung einer Massenbewegung vor Augen hatten. Sie hatten eine vernünftige Veränderung der bestehenden Zustände im Sinn. Alles Unvernünftige hatte zu verschwinden. Das klingt einleuchtend, aber hier zeichnete sich bereits das ab, was wir mit dem Begriff „ideologischer Kampf“ zu bezeichnen pflegen. Der Hauptgegner der Aufklärer war die katholische Kirche, insbesondere der Jesuitenorden. Er wurde mit allen nur möglichen Invektiven als die Ausgeburt des Fanatismus belegt. An der Spitze dieses radikalen antiklerikalen Kampfes stand Voltaire, selber Zögling des Jesuitenordens. Er verdammte aber nicht nur das Christentum, sondern auch das Judentum. „Diese Nation“, erklärte er, „ist in vielerlei Beziehung, die verachtenswerteste, die jemals die Erde beschmutzt hat“.1  Und zum Pentateuch sagte er: „Sie werden“ dort „nur ein unwissendes und barbarisches Volk treffen, das schon seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuungswürdigsten Aberglauben und dem unüberwindlichsten Hass gegenüber allen Völkern verbindet, die sie dulden und an denen sie sich bereichern. Man soll sie jedoch nicht verbrennen“.2  Diese beiden Zitate illustrieren die Art, wie ein Voltaire zu argumentieren pflegte, soweit man hier noch von Argumentieren sprechen kann, wobei er nicht Antisemit auf der ganzen Linie war, denn, indem er für Toleranz eintrat, verurteilte er aufs schärfste die Judenverfolgungen in Spanien und anderswo.

Im Namen der lichtvollen Zukunft sollten einige Jahrzehnte später die Jakobiner auftreten. Nun wurde der Feind nicht nur mit der Feder in der Hand bekämpft, sondern auch physisch, mit Hilfe der neuen Erfindung, der Guillotine, die das Wahrzeichen ihrer kurzen Herrschaft geblieben ist. Vertreter der Intelligenz waren es, die dieses radikale Vorgehen begründeten, die als Ideologen auftraten. Es seien nur die Namen Robespeirre, Danton, Marat und Saint Just als ursprüngliche hommes de lettre angeführt. Aber in der gleichen Zeit gab es die Gründungsväter der Vereinigten Staaten, die es verstanden, ohne Terror die neue Republik zu schaffen. Anstatt davon zu sprechen, daß „alle Menschen gleich geschaffen sind, daß sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, wozu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“, weswegen „zur Sicherung dieser Rechte unter den Menschen Regierungen eingerichtet sind, die ihre gerechtfertigte Macht von der Zustimmung der Regierten ableiten“, d.h. davon zu sprechen, daß das Individuum über dem Staat steht, geht die französische Freiheitserklärung davon aus, daß das „Ziel der Gesellschaft“ das „allgemeine Glück“ sei und die Regierung daher die Aufgabe habe „dem Menschen den Genuß seiner natürlichen und unveräußerlichen Rechte zu garantieren“, d.h. etwas Höheres garantiert dem Individuum Freiheit. Dieses Höhere erwächst nicht aus dem Willen der Individuen.

Man bedenke, wie die Verfassung der Vereinigten Staaten und wie die Frankreichs zustande gekommen waren. In Frankreich wurde sie von „Intellektuellen“ entworfen und dann im Parlament beschlossen. Während die Entwürfe der Verfassung in Ame¬rika nicht nur summarisch von dem Volk ratifiziert wurden, son¬dern Abschnitt für Abschnitt und bis in alle Details in den townhall meetings (wie im Falle der ursprünglichen Verfas¬sung, der sogenannten Articles of Confedera¬cy) oder später (im Falle der Verfassung der Vereinigten Staaten) in den Länderparlamenten disku¬tiert.  Dieses „zeitraubende Verfahren“, schrieb Hannah Arendt in ihrem Revolutionsbuch „wurde nicht etwa darum gewählt, weil Grund be¬stand, den verfas-sungsgebenden Versammlungen zu mißtrauen, sondern einzig und allein deshalb, weil man sich darüber einig war, daß es sich darum handelte, ,daß das Volk der Regierung eine Verfas¬sung gebe’, nicht aber darum, daß die Regierung dem Volk eine solche zuteil werden lassen sollte“.3  Das Volk entschied, nicht die Intelligenz. Ihr blieb einzig die Beraterfunktion überlassen. Das Volk entschied aber nicht durch eine einmalige Abstimmung, sondern in intensiven Debatten.

Vielleicht waren dieses Verfahren und die Idee, daß es um die Freiheit des Einzelnen und nicht um das Wohl der Gesellschaft als Ganzes gehe, der Grund dafür, daß die amerikanische Verfassung die einzige ist, die bis heute die Wirren der Zeit überstanden hat, während in Europa, abgesehen von der Schweiz und den skandinavischen Ländern Schweden und Dänemark, eine Verfassung die andere jagte.

In der Französischen Revolution wurde dagegen, wie Hannah Arendt es darlegt, die soziale Frage zur zentralen erhoben, die das Robespierre-Regime durch Enteignungen, Requirierungen, Festlegung von Höchstpreisen und Minimallöhnen  zu lösen suchte. Ein großes Chaos und wachsende Unzufriedenheit waren die Folge, so daß die Bevölkerung das Ende der Terrorherrschaft mit Erleichterung entgegennahm. Es fand sich nur noch eine kleine Schar von Jakobinern, die Proteste zu organisieren suchten. Die darauf folgende Herrschaft Napoleons mit seinen Eroberungen sollte sich allerdings in ein Unglück Europas verwandeln.

Die Französische Revolution trug auch zur Verschärfung der Sprache in den öffentlichen Debatten bei. Die jeweilige Gegenseite wurde in einer Weise attackiert, die eine argumentative Verteidigung nicht zuließ. Die Gegenseite erschien als der Todfeind, den es zu vernichten gilt, denn er verderbe die Welt. Das Links-Rechts-Modell bildete sich heraus. Die Linken traten als diejenigen auf, die sich um das Wohl der Menschheit sorgten, die Rechten galten als diejenigen, die die Unvernunft und den Aberglauben in den breiten Massen erhalten wollen.

Der Geist der Jakobiner lebte mit Marx und Engels in neuer zugespitzter Form auf. Die Klassenkampfthese, die bei den Jakobinern bereits als der Kampf des dritten Standes gegen Adel und Kirche zutage tritt, wird nun zu einem weltweiten Phänomen erklärt. Nicht zufällig nannte Marx den Jacobinismus die plebejische Abrechnung mit den feudalen Feinden der Bourgeoisie. Im Manifest der kommunistischen Partei lesen wir, daß überall ein „mehr oder minder versteckter Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft“ herrsche, der bis zu jenem Punkt gelangen wird, „wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet“.4  Da die Bourgeoisie „ihre eigenen Totengräber“ produziert, sind ihr „Untergang und der Sieg des Proletariats […] unvermeidlich“.5

Interessant ist, daß Marx und Engels dem ideologischen Kampf ihr Hauptaugenmerk widmeten, obwohl sie die Ansicht vertraten, daß das Sein das Bewußtsein bestimme und daß die materielle Entwicklung auf den Sieg des Kommunismus hinsteure. Sie meinten, daß das richtige Bewußtsein erst durch diejenigen, die zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Geschichte gelangt sind, in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse. Aber mit ihrem Kampf gegen „falsches Bewußtsein“ einerseits und für richtiges andererseits setzten die Marxisten die Tradition der Aufklärer fort, die mit Schrecken auf den in den Massen, dem Volk so unerhört verbreiteten Aberglauben geschaut hatten. Richtiges Bewußtsein war nur durch gezielte Bildung zu erlangen. Hier waren jene Intellektuellen gefragt, die wußten, was fortschrittlich und was reaktionär ist, wobei es erstaunlicherweise auch manchmal ein Dazwischen gab, wie der Titel des Buches von Lukács Zwischen Fortschritt und Reaktion, das in den dreißiger Jahren entstanden war, suggeriert. Er brachte das Kunststück fertig, durch die Schaffung des Terminus „kritischer Realismus“ einige große bourgeoise Schriftsteller wie Balzac und Thomas Mann für die sozialistische Kunst hoffähig zu machen. Das war indirekt gegen den von Gorki 1934 auf dem Ersten Allunionskongresses der Sowjetschriftsteller in Moskau verkündeten Begriff des „sozialistischen Realismus“ gerichtet. Da man nicht die ganze vergangene Kultur vernichten konnte – sie war ja nicht in einer einzigen Bibliothek wie in Alexandrien vereinigt, so daß eine Verbrennungsaktion nicht in Frage kommen konnte –, entschlossen sich die Bolschewiki, zu denen auch Lukács gehörte, das kulturelle Erbe in ein fortschrittliches und ein reaktionäres zu unterteilen. Nur das zweite gehörte vernichtet oder in die Museumskeller und Giftschränke verbannt.

Die Hauptzielscheibe des Kampfes der Bolschewiki in den zwanziger Jahren war die Demokratie. Sie wurde als eine Scheinform bourgeoiser Herrschaft verdammt. Ich weiß nicht, ob sich die Bolschewiki bewußt waren, daß sie damit getreue Nachfolger des Zarentums waren. Marx hat in seiner höchst interessanten, wenig bekannten Arbeit Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1858(?) gezeigt, wie das Zarentum systematisch die umliegenden Republiken bekämpfte. Das erste Opfer war Nowgorod, konstatiert Marx, das letzte die Polnische Adelsrepublik. Ein zentralistisch organisierter Staat, wie es das Zarenreich war, kann keinerlei Formen von Mitbestimmungsrecht größerer Bevölkerungsgruppen sowohl im eigenen Land wie auch im Ausland, zumindest im nahen Ausland, dulden. Das Buch von Marx wurde übrigens nicht in die MEGA aufgenommen. Es erschien erst 1980 im Suhrkampverlag mit einem Vorwort von Karl August Wittfogel, dem Autor der einst viel gelesenen Schrift Die orientalische Despotie. Eine verglei¬chende Untersuchung totaler Macht.

Da die faschistischen Bewegungen die Demokratien als ein verkommenes Herrschaftssystem verurteilten und es bekämpften, brachten ihnen die Bolschewiki anfänglich Wohlwollen entgegen, wenngleich sie sehr schnell erkannten, daß diese ihre Hauptkonkurrenten im Kampf um die Sympathie der „proletarischen Massen“ darstellen. So sah Clara Zetkin bereits 1924, daß es sich bei dem Faschismus, gemeint ist vor allem der italieni¬sche, um eine „massenwirk¬same und ideologisch wirksame Kraft“ handle. Er verfüge über ein Programm, „von großer Anzie¬hungs¬kraft auf breite Massen“6 , „Tausendköpfige Massen ström¬ten“7  ihm zu, auch aus der Arbei¬terklasse. Diese für die da¬malige Faschismusdebatte bedeutsamen Bemerkungen droh¬ten aber in dem Schema ,hier Proletariat, dort Ka¬pitalismus’ unterzugehen. Gerade deswegen ist man erstaunt, daß Clara Zetkin trotz Anerkennung dieses Schemas anzudeuten vermochte, daß der Faschismus keine bloße bürgerliche Reaktion gegen die proletarische Revolu¬tion sei. Eine Auflockerung dieses Schemas stellte die sogenann¬te Bonapartis¬mustheorie dar, die # Thal¬heimer 1930 entwickelte und deren Verfechter auch Trotzki war; aber im Grunde blieb es bei der alten Entgegensetzung. Bemerkenswert war dage¬gen die Analyse des Ita¬lieners Filippo Turati, der 1928 erklärte, daß der Faschis¬mus „aus sich eine eigene Klasse“ mache, „für sich allein“ lebe, sich weigere, „das Instru¬ment für die Zwecke anderer zu sein“, „jeden Anschein und jede Substanz der Demo¬kratie, d.h. des modernen zivilisierten Zusammenlebens“ zer-störe. „Sobald er sich zu einer Partei gemacht hat, wird er totalitär, d.h. er hört auf, Partei zu sein, um ein frem¬des Besatzungsheer zu werden, gegen welches jede Rebellion technisch un¬möglich und unwirksam ist.“8  Der Faschismus werde keine Ruhe geben, bis er nicht alles erfaßt ha¬ben wird. „Das charakteri¬stische Motto ,Nichts außerhalb des Staates oder gegen den Staat’ oder ,Nicht einmal das Brot, nicht einmal den Atem für den, der sich dem Fa¬schismus nicht beugt’ wird eine universale Unternehmung wer¬den.“9  Turati meint, daß man den Faschismus nur mit Hilfe eines starken Völkerbundes, mit einem interna¬tionalen Heer, durch die Verwandlung der politischen Demokratie in eine ökonomische und durch den Verzicht auf linken Radikalismus sowie „bolschewi¬stische Großmäulig¬keit“ (entweder Kommunismus oder Faschismus, keine Zwischenlösung) besiegen könne.

Mit Hitlers Machtergreifung Anfang 1933 setze sich bei den Bolschewiki die These vom Faschismus als einem Versuch, den Kapitalismus zu retten, durch. Dies müsse natürlich zum Sieg des Proletariats führen. Stalin, der angeblich große Ideologe, spürte jedoch, daß sich mit den Faschisten besser Politik machen läßt als mit den hin- und herschwankenden Demokraten. Sein Pakt mit Hitler war daher nur allzu logisch. Er konnte nicht wissen, daß Hitler unbedingt Napoleon überflügeln, d.h. dem auf der Insel Helena verstorbenen modernen Alexander dem Großen beweisen wollte, daß man sowohl Moskau wie auch Nordafrika erobern könne.

Die linken Intellektuellen hatten es schwer, den Stalin-Hitler-Pakt in ihr Denkgebäude einzuordnen. Aber gottseidank war am 22. Juni 1941, als die deutschen Truppen vom besetzten Polen aus weiter nach Osten marschierten, die Welt wieder in ihren Fugen. Jetzt griff das klare dichotome Schema Faschismus/Antifaschismus. Alles, was sich in den antifaschistischen Staaten mit der Sowjetunion an der Spitze tat, durfte nicht kritisiert werden, denn das würde ja nur dem Faschismus dienen.

Als Klaus Mann seiner Empörung über die derben und maßlosen Attacken gegen André Gide, der es gewagt hatte, eine kritisches Buch über die Sowjetunion zu veröffentlichen, Ausdruck gab, wurde er darauf verwiesen, daß er ähnlich argumentiere wie die Nazis. Das mußte er sowohl aus dem Munde von Romain Rolland wie auch von deutschen Emigran¬ten, von denen er namentlich Kisch und Feucht-wanger nennt, vernehmen. Klaus Mann meint, daß beide „in ihren polemi¬schen Äußerungen den großen Schriftsteller (d.h. Gide –  K.S.) nicht nur wie einen Ver¬räter behandeln würden, sondern wie einen etwas geistes¬schwachen, genußsüch¬tigen alten Sün¬der, dessen Verrat zwar ekelhaft, aber kaum von geistiger Bedeutung“ sei.10  Mann appelliert, nicht die Waffen des Geg¬ners, d.h. der Fa¬schisten, im eigenen Lager an¬zuwenden. Jeder habe das Recht, den Stalinismus zu kritisieren, damit sei er noch kein Nazi, auch wenn er sogleich in der Goebbelspresse zi¬tiert werde. Wenn man dieses Recht nicht je¬dem zubillige, ließe man sich „von den Feinden eine Taktik vor¬schrei¬ben“, um „derentwillen wir sie doch gerade ver¬achten, die Taktik des Ver-schleierns, des Beschönigens, Fäl¬schens, Umlügens [...]“.11  Gerade diese Taktik war, wie wir heute wissen, eine Voraus¬setzung für die Lebensfä¬higkeit des Stalinkults.

Auf die Weise konnten die linken Intellektuellen auch ohne weiteres den linken Terror akzeptieren. Lukács hatte schon vorgedacht, wie man dies rechtfertigen könne. In seinem Briefwechsel mit Paul Ernst aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg akzeptierte er die Gestalt des Terroristen als einen Helden – es handelte sich hier um Ropschin – , denn dieser sei sich zwar des Tragischen seiner Tat bewußt, aber trotzdem wie die großen Dostojewskischen Figuren gewillt, die Sünde des Tötens auf sich zu nehmen. Er tue es aus Solidarität mit der Gemeinschaft, mit der er sich brüderlich verbunden fühlt, wobei es bedeutungslos sei, ob die Anderen den terroristischen Akt wollen oder nicht. Er muß das tun, was er für richtig hält. 1918 begründete Lukács seine Ent¬scheidung zum Eintritt in die Kommunistische Partei Ungarns, die am 21.November 1918 unter Béla Kun ins Leben gerufen worden war, in sehr ähnlicher Weise. Seinen Aufsatz Taktik und Ethik aus dieser Zeit, in dem er bezeichnenderweise auch auf Ropschin zu sprechen kommt, beendet er mit den Sätzen:
Nur die mörderische Tat des Men¬schen, der unerschütter¬lich und alle Zweifel aus¬schließend weiß, daß der Mord unter keinen Umständen zu billigen ist, kann tragisch moralischer Natur sein. Um diesen Gedanken größter menschlicher Tragik mit den unnachahmlich schönen Worten von Hebbels »Judith« aus¬zu¬drücken: »Und wenn Gott zwischen mich und die mir aufer¬legte Tat die Sünde gesetzt hätte »wer bin ich, daß ich mich dieser ent¬ziehen könnte«?˝12
Lukács lud von nun an sehr be¬wußt im Namen der geschichtsphilo-sophischen Berufung Schuld auf sich, die sehr schnell, als er an den Kämpfen während der ungarischen revolutionären Ereignisse teilnahm, konkrete Gestalt annehmen sollte. Im Gegensatz zu Ernst Toller, dem Kommandeur der Dachauer Front in der Münchner Räterepublik, versuchte er nicht, die bewaffneten Auseinandersetzungen auf ein Minimum zu begrenzen, sondern tat das, was man von einem militärischen Führer im allgemeinen erwartet: Er zeigte Härte und scheute sich nicht, ein Standgericht einzuberufen und unter seinem Kommando acht Männer erschießen zu lassen. Wir wissen dies aus seiner Autobiographie im Dialog, in der er  mit erstaunlicher Leichtigkeit über seine Aktivitäten als roter Kommissar erzählt:
[...] zu einer Menge Ein¬heiten kamen die Kommunisten als Politkommissa¬re. Ich meldete mich für diese Arbeit und wurde nach Tiszafüred ge¬schickt, wo wir uns in Verteidigungsstellung befanden. Die Verteidigung Tiszafüreds war sehr schlecht gelun¬gen, weil die Budapester Rotarmisten, ohne auch nur einen Schuß abzugeben, davonliefen, und da-durch konnten auch die beiden anderen Bataillone, die bereit gewe¬sen wären, Tiszafüred anständig zu verteidigen, ihre Stellun¬gen nicht hal¬ten, so daß die Rumänen hinter die Frontlinie gelangten und Tiszafüred fiel. Und da habe ich auf sehr ener¬gische Weise die Ordnung wieder¬hergestellt, das heißt, als wir nach Poroszlň über¬setzten, rief ich ein außerordentliches Kriegsgericht zu¬sammen und ließ dort auf dem Marktplatz acht Leute dieses da¬vongelaufenen Bataillons er¬schießen. Dadurch war die Ordnung wieder¬hergestellt. Später verwandelte sich meine Kommission insofern, als ich Politkom¬missar für die ganze fünfte Division wurde. Zusammen rückten wir bis nach Rimaszombat (Großsteffelsdorf) gegen die Tschechen vor. Bei der Einnahme von Rimas¬zombat war ich noch dabei, dann wurde ich nach Budapest zu¬rückbeordert, und damit hört meine Verbindung zur Roten Armee auf.13
Lukács scheint sich nie gefragt, zu haben, ob die Strafaktion nicht die Falschen getroffen hatte. Er sah wahrscheinlich nicht die entsetzten Gesichter der zu Erschießenden vor sich. Vielleicht hat er gar nicht erst hinge¬schaut. Sicher hätte er sol¬che Fragen und Vorbehalte mit den Worten von sich gewiesen, es habe sich schließlich um eine Revolu¬tion – die Bezeichnung nationale militärische Auseinandersetzungen hätte er abgelehnt! – gehandelt, bei der es nicht um den  Einzelnen, sondern um das Ganze ging.

Thomas Mann hat Lukács zum Vorbild seines Naphta genommen und ihm Settembrini entgegengestellt – Castorp beobachtet diese Links-Rechts-Auseinandersetzung mit Staunen, nicht wissend, wem er Recht geben sollte. Irgendwie kam sie ihm mehr als komisch vor, wurde sie doch von zwei eigenartigen Figuren geführt, die mit ihrer ganzen Gelehrsamkeit immer wieder auf ihre jeweilige Grundanschauung zustrebten. Als Mann seinen Zauberberg abschloß, war er der Überzeugung, daß die Demokratie gesiegt habe. Es sollte jedoch noch lange dauern, bis sich die Demokratien im heutigen Europa als grundlegende staatliche Existenzformen durchsetzten konnten. Das hat jedoch nicht daran geändert, daß das Schema Faschismus/Antifaschismus, Reaktion/Fortschritt nach wie vor in vielen Köpfen der Intelligenz herumgeistert, als habe sich die Welt nicht verändert, als gäbe es nicht andere, dem Links-Rechts-Schema nicht verhaftete Reflexionsarten.

5.  Dreissig Silberlinge. Denunziation in Gegenwart und Geschichte, Berlin 2000 /ISBN 3-353-01097-1/ (auf ungarisch: Harminc ezüst. Besúgások és árulások, Budapest 2001). /ISBN 963-208-7305/



1: Dictioniare philosophique, Kap.1 (Toleranz)
2: Ebd.

3: R 188

4: MEW Bd. 4, S. 473.
5: MEW Bd. 4, S. 474.

6: Ernst Nolte (Hg.), Theorien über den Faschismus, Köln/Berlin 1967, S. 99.
7: Ebenda, S. 92.
8: Ebenda, S. 150.

9: Ebenda, S. 151.
10: Klaus Mann, Ebd. S. 47.

11: Ebenda S. 46.
12: Georg Lukács, Werke, Band 2, Neuwied/Berlin 1968, S. 52 f.

13: Georg Lukács, Gelebtes Leben. Eine Autobiographie im Dialog, Frankfurt am Main 1981, S.104f.


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